Das ist wissenswert...


Die Protuberanz bei den Haubenhühnern

 

Protuberanz, ein Wort, mit dem viele Menschen und auch Züchter nichts anfangen können. Protuberanz heißt frei übersetzt ausdehnen und beschreibt bei unseren Haubenhühnern die halbkugelförmige Schädelerhöhung, welche als Sitz der runden und festen Haube dienen soll. Sie soll so hoch sitzen, dass noch eine Reihe mit Federn zu sehen ist. So sitzt die Haube hoch genug für die notwendige Sichtfreiheit.

 

Leider wurden in den letzten Jahren vermehrt Tiere auf den Sonderschauen des SV gezeigt, die keine Protuberanz mehr zeigten. Vor allen Dingen die Zwerg Paduaner sind hiervon betroffen. Dieser Ausschlussfehler lässt dem amtierenden Preisrichter keine andere Wahl als die unbeliebte Note U zu vergeben. Bei den Holländischen Zwerg Haubenhühnern, Zwerg Houdan und Zwerg Crevecoere ist dieser Fehler noch nicht bekannt geworden. Ein jeder sollte jedoch seine Zuchttiere einmal durchsehen, ob sich der Fehler nicht auch bei ihm schon eingeschlichen hat und die Tiere aus dem Bestand herausnehmen. Auf keinen Fall sollten sie in die Zucht eingesetzt werden. Ebenfalls kann man bei der Nachzucht bereits nach dem Schlupf sofort selektieren, denn die Protuberanz ist bereits vorhanden und wird auch später nicht nachwachsen.

 

In letzter Zeit konnte auf unseren Ausstellungen oft beobachtet werden, dass bei Seidenhühnern und deren Zwergen eine Protuberanz auftritt. Das ist nicht gestattet und die Preisrichter werden in Zukunft verstärkt darauf achten. 

 

Ich bitte alle Züchter auf diesen Fehler zu achten, dann haben wir in Zukunft weiter viel Freude an unseren Perlen der Hühnerzucht.

 

Norbert Niemeyer


Unsere gesäumten Zwerg-Paduaner

 

Recht interessant ist die Betrachtung alter Gemälde aus den vergangenen Jahrhunderten. Man sieht dort oft haubentragende Tiere in Gold und Silber schwarzgetupft mit mehr oder weniger unreiner Grundfarbe. Dies dürfte der Grundstein für die heute so beliebten, klar gesäumten Farbenschläge der Zwerg Paduaner sein.

 

Ende des 19.Jahrhunderts waren es, wie bei vielen anderen Rassen auch ,die Engländer, welche den Grundstein für diese Rasse und deren Farbenschläge legten. So zeigte der englische Züchter Entwistle in dieser Zeit bereits 10 Farbenschläge der Zwerg Paduaner und dabei waren auch Tiere in Chamois-weißgesäumt, Gold-schwarzgesäumt und Silber-schwarzgesäumt. Bei den restlichen Farbenschlägen handelt es sich einmal um die bekannten einfarbigen Schläge und es wurden auch die spalterbigen Tiere, wie z.B. Hermelinfarbig mit ausgestellt .Diese Tiere waren wie mit einem grauen Schleier überzogen und stammten vermutlich aus der Verpaarung von chamois-weißgesäumt und silber-schwarzgesäumt.

Zur Erzüchtung der gesäumten Farbenschläge der Zwerg Paduaner wurden Tiere der Großrasse und Sebright mit Ihrem klaren Saum verwendet.

 

Ab 1910 wurden die ersten Zwerg Paduaner, im weißen Farbenschlag in Deutschland ausgestellt. Verfolgt man die Berichte der damaligen Zeit, so war es um die Zwerg Paduanerzucht recht still. Diese Zeit war doch mehr von großen Hühnerrassen geprägt, da die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund stand. Trotzdem etablierten sich auch die Farbenschläge der gesäumten Zwerg Paduaner und wurden bei der Gründung des Sondervereins 1924 in Leipzig mit in die zu betreuenden Rassen aufgenommen. Wie bei vielen anderen Rassen auch, zerstörte dann der 2.Weltkrieg den größten Teil der Zuchttierbestände. Danach wurde gezielt mit dem Wiederaufbau der verschiedenen Farbenschläge auch durch erneute Einkreuzungen begonnen. Der erste Farbenschlag der sich durchsetzen konnte und auch heute noch sehr gut verbreitet ist, sind die Chamois-weißgesäumten Tiere. Wesentlich schleppender ging die Verbesserung des Zuchtstandes bei Gold-schwarzgesäumt voran. Erst seit Anfang 1990 kann von einem hohen Zuchtstand mit solider Zuchtbasis gesprochen werden. Ähnlich erging es den Silber-schwarzgesäumt, wobei hier die momentane Zuchtbasis noch nicht als gefestigt anzusehen ist. Ein Gradmesser für den Zuchtstand und die Verbreitung von Farbenschlägen, ist die jährlich stattfindende Hauptsonderschau des für die Rasse zuständigen Sondervereins der Züchter der Seidenhühner und Zwerg Haubenhühner bei der die meisten der ernsthaften Züchter ausstellen. Dabei liegt die Meldezahl der Chamois-weißgesäumten zwischen 30 und 50 Tieren, während bei Gold-schwarzgesäumt ca.30 Tiere und bei Silber-schwarzgesäumt nur ca.20 Tiere ausgestellt werden. Zudem kommen dann die Gestruppten Varianten, welche in allen Farben anerkannt sind.

 

Beim Erwerb von Zuchttieren wird in erster Linie danach entschieden, welche Rasse und welcher Farbenschlag gefällt einem Interessenten am besten und habe ich die Voraussetzungen , eine Pflegeintensive Rasse zu züchten. Danach erfolgt die erste Nachzucht mit den Tieren meist in zu kleiner Stückzahl. Hat man nun einen gleichmäßig vererbenden Farbenschlag, wie Schwarz oder Weiß, bei dem alle Jungtiere äußerlich gleich aussehen, so sieht es bei gesäumten Tieren anders aus. Der endgültige Saum zeigt sich erst in der letzten Feder richtig, wodurch doch viele Zuchten recht schnell wieder aufgegeben werden. Dies muss unter Beachtung um die Regeln in der Vererbung dieser Farbenschläge nicht sein. Betrachten wir uns einmal die Standardbeschreibungen der gesäumten Zwerg Paduaner von vor ca.25 Jahren, wo in der Mustereschreibung nur stand, dass die Grundfarbe von einem gleichmäßigem Saum umgeben sein soll, was bedeuten würde, dass Hahn und Henne gleich gezeichnet sind, wie etwa bei den Sebright. Dies ist aber nicht so und deshalb wurden die Standards überarbeitet und konkretisiert. Dabei haben die Hennen bei Chamois-weißgesäumt eine ledergelbe Grundfarbe mit einem rahmweißen Saum und mir ist es lieber, die Grundfarbe ist etwas dunkler, als zu hell, da ständig gegen einen Farbschwund gegengesteuert werden muss. Bei Gold-schwarzgesäumt und Silber-schwarzgesäumt ist die Grundfarbe ein sattes Goldbraun, bzw. ein reines Silberweiß mit jeweils einem möglichst gleichmäßigem , breitem Saum, welcher nicht so schmal wie bei den Sebright sein darf.

 

Da der Columbiafaktor für eine reine Zeichnung sehr vorteilhaft ist, werden Hennen mit etwas Vorsaum in der Haube und im Halsbehang im Zuchtstamm mit verwendet und können auf Ausstellungen aber nur bis 94 Punkte erhalten, auch wenn sie nicht hundertprozentig dem Ideal entsprechen. Nicht zu verwenden gehen Hennen mit Moos in der Grundfarbe, was heißt, dass in der Zeichnungsfarbe, Chamois, Gold oder Silber, in der Saumfarbe zu finden sind. Um dieses so ideale und sehr attraktive Zeichnungsbild zu erhalten, ist der Hahn ein ganz wichtiges Kriterium. Auch wenn er anders gezeichnet ist, als die Hennen, ist dessen Zeichnung die Voraussetzung für einen korrekten Hennensaum. Die Farbe der Haube, des Sattelbehanges und der Sattelfedern beginnen am Grund in der Saumfarbe, also rahmweiß oder schwarz. Nach dem ersten Drittel in der Saumfarbe ist die Feder im wesentlichen in der Zeichnungsfarbe um dann wieder in der Saumfarbe am Federende abzuschließen, ohne einen Saum zu bilden .Die Schwanzfarbe ist in reiner Zeichnungsfarbe mit gleichmäßigem Saum möglichst bis in die Hauptsicheln. Hier werden allerdings Zugeständnisse gemacht, da es sehr schwierig ist, eine reine Schwanzfarbe bei allen Tieren zu bekommen. Als letztes kommt dann die eigentliche Säumung als Grundlage für die Hennen. Dafür gibt es drei Schwerpunkte und hier sei als erstes der Halsbehang genannt. Äußerlich nicht sichtbar, muss im oberen Schulterbereich, welcher vom Halsbehang verdeckt wird, eine klare Säumung vorhanden sein. Dazu kommen die Flügelbinden, die auch einen geschlossenen Saum aufweisen müssen und als dritter Schwerpunkt die Brustzeichnung.

 

Hier wird verlangt, dass der Saum von der Kehle bis in die Schenkel gleichmäßig und geschlossen ist und keine Halbmondzeichnung oder Vorsaum vorhanden ist. Der derzeitige Zuchtstand lässt hier keinen Spielraum und so müssen Hähne ohne diese Merkmale mit Punktabzügen rechnen. Nicht so entscheidend ist dabei die Breite des Saumes, da hier im Zuchtstamm auf Ausgleich angepaart werden kann und muss, denn es ist über Jahre hinweg nicht möglich, diese Farbenschläge mit einem Zuchtstamm auf hohem Niveau zu halten. Um für die Schauen entsprechend zu selektieren, sollte mit einer Anzahl von ca.80 Küken im Jahr gerechnet werden.

 

Natürlich darf die Form nicht vergessen werden, aber ohne eine gute Zeichnung nützt die beste Form nichts.

 

Zwerg Paduaner werden im Gewicht mit 900 Gramm beim 1,0 und 800 Gramm bei der 0,1 angegeben. Dieser Größenrahmen ist ideal für eine schöne gestreckte Form mit fließenden Übergängen. Besonders Hähne haben oft Probleme mit dem Schwanzübergang, welcher oft recht eckig wirkt und somit die Harmonie des Ganzen verloren geht. Verlangt wird des Weiteren ein mittelhoher Stand, was heißt, das die Schenkel unbedingt sichtbar sind.

Ein weiteres Hauptrassemerkmal ist der Kopf. Hier wird eine hochsitzende Protuberanz, womit die Schädelerhöhung gemeint ist, gefordert, Nur so ist es möglich, dass eine ungehinderte Sichtfreiheit zur Seite und nach vorn vorhanden ist. Hin und wieder gibt es noch Tiere mit zu flachen oder gar fehlenden Protuberanzen und dadurch zu wenig Sichtfreiheit. Diese Tiere können nur die Note o.B.(ohne Bewertungsnote erhalten, bei fehlenden Protuberanzen B) da sie für die Zucht nicht zu verwenden sind. Auch werden ab und zu Hähne ausgestellt, die starkes Kammfleisch zeigen. Bei dem erreichten hohen Zuchtstand wird dieses nicht toleriert und konsequent bestraft. Anders ist es bei den Kehllappen. Im Standard steht, dass diese klein und vom Bart verdeckt sein sollen. Dies heißt aber nicht, dass keine Kehllappen beim Hahn vorhanden sind und wenn diese etwas sichtbar sind, sollte dies toleriert werden. Bei der gestruppten Variante ist noch großzügiger zu verfahren, da bei ihnen alle Federn aufgestellt sein müssen. Der Bart stellt sich als ungeteilter Kinn-u. Backenbart dar und es ist auch darauf zu achten, dass er vorn nicht einschnürt, da diese Form des Bartes untypisch aussieht.

 

Sollten diese Zeilen ihr Interesse an den gesäumten Zwerg Paduanern geweckt haben wenden sie sich an den Sonderverein der Seidenhühner und Zwerg Haubenhühner, www.sv-silkiespolands.de. Hier stehen ihnen kompetente Züchter mit Rat und Tat zur Verfügung.

 

Norbert Niemeyer


24.11.2015

Vorbereitungen auf die Zucht

 

Während einige Züchter sich noch für die letzte große Schau kurz vor Weihnachten in Dortmund vorbereiten sind andere schon voll in der Planung für 2016. Die ersten Zuchtstämme stehen, Zuchtfutter wird bestellt und Pläne für die erste Brut geschmiedet. Bei der Zuchtvorbereitung gilt es einiges zu beachten. Einige Anregungen hierzu soll der folgende Text geben. 

 

Die ganze Zucht steht und fällt mit zwei elementaren Bestandteilen: Der Legeleistung der Hennen und der Befruchtungsleistung des Hahns. Immer wieder klagen Züchter und Halter über eine mangelnde Befruchtung, schlechte Legeleistung oder einen nicht zufriedenstellenden Schlupf. Um diesen Problemen in der kommenden Saison besser begegnen zu können, möchte ich an dieser Stelle einige Tipps geben, die derartige Probleme aus der Welt schaffen können. Als erster Schritt in der Zuchtvorbereitung sollten die auf Schaukondition getrimmten Hennen abgespeckt werden. Denn fette Hühner legen keine Eier. Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Weit verbreitet ist eine Futterumstellung auf Gerste und/oder Hafer für  ein bis zwei Wochen. Dadurch specken die Hennen gut ab und die verfetteten Eierstöcke sind wieder voll für die Produktion von Eiern eingestellt.

 

Ein zweiter Schritt in Richtung erfolgreiche Brut stellt die Tageslichtverlängerung dar. Im Winter lässt die Produktion von Eiern deutlich nach. Um das zu verhindern wird der Stall zusätzlich zum Tageslicht beleuchtet. Hier empfiehlt es sich, den Tag früher beginnen zu lassen. Eine Beleuchtung bis spät in die Nacht bringt wenig, da die Hühner trotz Helligkeit am Abend auf die Stange gehen und schlafen. Nach zwei bis drei Wochen beginnen die Hennen dann zu legen. Doch noch nicht zu früh gefreut. Auch die Spermaproduktion beim Hahn wird über den Lichteinfall ins Auge gesteuert. Damit diese anläuft benötigen Hähne aber einige Zeit mehr als Hennen, so, dass erst nach 4 Wochen nach Beleuchtungsbeginn eine zufriedenstellende Befruchtung erreicht wird. Bei der Beleuchtung ist zu beachten, dass die Leuchtquelle wirklich hell ist. Eine kleine Glühbirne die ein Dämmerlicht erzeugt hat nicht den gleichen Effekt wie eine lange Leuchtstoffröhre. Hier zu sparen wäre definitiv der falsche Ansatz. Da Hühner ein sehr schnelles Auge haben, nehmen sie das Flackern von Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen deutlich wahr. In meinen Augen eine Unzumutbarkeit für die Tiere. Deshalb haben sich bei mir im Stall Leuchtröhren etabliert, die ein elektronisches Vorschaltgerät enthalten, wodurch ein Flackern des Lichts für die Tiere nicht mehr wahrnehmbar ist. Diese Leuchtstoffröhren haben zudem ein erweitertes Lichtspektrum, das dem der Sonne sehr ähnlich ist. Sie enthalten auch UV-Spektren, die vom Huhn wahrgenommen werden und unter anderem der Individualerkennung in der Herde dienen, was wiederum Rangkämpfe reduziert.

 

Der dritte wichtige Schritt zu einer erfolgreichen Brut stellt die Ernährung der Zuchttiere dar. Nach der Abspeckphase sollte auf ein vitaminreiches Zuchtfutter umgestellt werden. Die Versorgung mit Rohprotein darf nicht zu hoch sein, sollte aber deutlich höher ausfallen als beim Junghennen-Futter. Eine Zufütterung von Sonnenblumenkernen, tierischem Eiweiß und Mineralpräparaten führt zu einer ausgewogenen Zuchtfütterung. Die Henne kann alle benötigten Komponenten für ein Ei ioaus dem Futter beziehen und so für ein einwandfreies Brutei sorgen. Ein zu hoher Rohproteingehalt führt zu sehr großen Eiern. Das erscheint auf den ersten Blick gut ist aber für die Brut ungeeignet, da die Küken im überschüssigen Eiweiß während des Schlupfes ersticken können.

 

Zum Schluss noch einige Wort zur Zuchtstammgröße. Hier gibt es unter Züchtern verschiedenste Ansichten. Der eine zieht mit 1,12 und hat gute Ergebnisse, die anderen ziehen mit 1,2 und klagen über mangelnde Befruchtung. Einen Königsweg gibt es hier sicherlich nicht. Als Richtwert kann man bei unseren Rassen aber sagen, dass die Zuchtstammgröße 1,5 nicht überschreiten sollte. Bei Seidenhühnern kann zusätzlich noch die Kloakenregion etwas freigeschnitten werden, um die Befruchtungsrate zu verbessern. Bei Zwerg-Haubenhühnern ist es im Winter empfehlenswert, die Hauben etwas zu schneiden, damit bei einem Eintunken in die Tränke die gefrorenen Federn nicht in das Sichtfeld hängen. 

 

Wer diese recht einfach umzusetzenden Tipps beherzigt sollte einen guten Grundstock für eine erfolgreiche Zucht 2016 gelegt haben.

 

Stuttgart, 24.11.2015

Philipp Galley


07.2010

Eine Reise in das Reich der Sinne

 

Im Gegensatz zu den berühmten drei Affen, welche nicht sehen, reden und hören können sind unseren Hühnern Sinneswahrnehmungen jedweder Art nicht fremd. Der eine oder andere von uns wird in den folgenden Zeilen sicherlich nichts Neues erkennen, andere wieder werden evtl. über die Fähigkeiten ihrer Schützlinge überrascht sein - sind sie doch zu Wahrnehmungen befähigt mit denen auf den ersten Blick kaum zu rechnen ist.

 

Der Gesichtssinn*:

Alle Geflügelarten sind in erste Linie Augentiere; sie finden sich in ihrer Umwelt vornehmlich auf Grund optischer Wahrnehmungen zurecht.

 

Das Gesichtsfeld ist auf Grund der seitlichen Anordnung der Augen am Kopf recht groß; der Sehwinkel beträgt beim Huhn etwa 160° je rechter bzw. linker Seite. Der binokulare Gesichtsraum, in dem die Tiere räumlich sehen ist jedoch recht klein. Er beschränkt sich auf eine Zone in der Form eines Dreiecks (dessen Grundlinie die Verbindung zwischen beiden Augen ist und dessen Spitze vor dem Schnabel liegt); sie endet ca. 8,5 Cm vor der „Grundlinie“ oder anders ausgedrückt ca. 2 cm vor der Schnabelspitze.

 

Im übrigen Gesichtskreis sehen die Tiere nur mit einem Auge. Um räumlich zu sehen ist das abwechselnde Fixieren eines Gegenstandes mit dem linken und rechten Auge erforderlich. Dies erreichen die Tiere durch Hin- und Herwenden des Kopfes oder durch Zickzackgang.

 

Die Sehleistung im alltäglichen Leben ist bei den Geflügelarten unterschiedlich und von verschiedenen Faktoren wie Nahrungsaufnahme, Aufmerksamkeit, Schreckhaftigkeit, Furcht u.a.m. bedingt. Hühner als sogenannte Gebüschbewohner beobachten scharf, was in ihrer unmittelbaren Nähe geschieht. Sie sind geradezu auf Nahsicht eingestellt. Freilandversuche haben ergeben, dass sich große Hühner auf 50 m einander erkennen, Zwerghühner auf 25 bis 40 m. Dies ist sicherlich ein Grund warum sich Hühner in der Regel nicht allzu weit vom Stall entfernen und warum ein Stall zur idealen Ausnutzung der Fläche in der Mitte eines Auslaufs platziert sein sollte.

 

Zu diesem Punkt sei abschließend angemerkt, dass sie in wissenschaftlichen Versuchen sowohl Formen als auch Farben erkennen konnten. Die Farben Rot, Gelb, Grün werden unterschieden, reines Blau aber nicht wahrgenommen.

 

Der Gehörsinn*:

Dem Geflügel fehlt, wie bei allen Vögeln das äußere Ohr, Ein von Federn dich besetzter Hautsaum schützt den Eingang zum kurzen äußeren Gehörgang, der zum in die Tiefe verlagerten Trommelfell führt. Das Trommelfell eines Haushuhnes hat eine Fläche von ca. 25 mm². Als Vergleich dazu, die Fläche beim Waldkauz beträgt 50,63 mm².

 

Die Fähigkeit zur akustischen Ortung ist beim Geflügel gut ausgebildet und so kommt ein Huhn tatsächlich fast an die Leistungen eines Hundes heran. Kommen die Töne von oben statt seitlich, von vorn oder von hinten, verlieren Hühner jedoch die Orientierung, weil bei über- oder hintereinander angebrachten Lärmquellen die Schallwellen aus der gleichen Richtung kommen. Hat sich ein Küken verirrt, peilt es den Standort der Glucke an, indem es geschwind in verschiedene Richtungen läuft und von jeder neuen Stelle aus die Lautquelle (Glucktöne) abhört. Die Hörgrenze liegt beim Küken bei einem Abstand von 15 m zu Glucklaut.

 

Die Laute beim Huhn sind sehr unterschiedlich und so haben verschiedene Wissenschaftler bis zu 30 verschiedene Lautäußerungen erfasst. „Der Hahn lockt, warnt, kräht, gackert aufgeregt bei unbestimmter Gefahr - und weniger zur Warnung - er singt monoton, wenn er für sich allein ist, er verfügt über zärtliche Töne und grollt drohend und mit möglichst tiefer Stimme Widersacher an usw. Die Henne gackert bei Gefahr und drückt damit wohl mehr eigenes Erschrecken und Beunruhigung an, als dass sie die übrigen Hühner warnen möchte. Sie grakelt aus Wohlsein und während der Legereife, sie äußert schließlich kurze, singende Geselligkeitslaute.

 

Ein Küken im Ei lässt 24 h vor dem Schlüpfen Pieptöne hören und die Glucke antwortet mit Glucklauten darauf. Auf dieses Glucken während der Brut antworten Küken schon ab dem 9. Bebrütungstag mit Schnabelklopfen im gleichen Rhythmus.

 

Der Tastsinn*:

Beim Geflügel sind zahlreiche zellige Tastkörper in der Schnabelhöhle, am Schnabelrand (Ente und Gans), auf der Zunge, am Zungenrand und im Rachen vorhanden. Der Tastsinn vermittelt neben dem optischen Sinn die wichtigsten Informationen für die Nahrungsaufnahme, z.B. über die Größe, Form, Oberflächenbeschaffenheit, Härte und Höhe der Futterstoffe. Erst auf Grund der taktilen Wahrnehmung bewerten Geflügelarten ihr Futter eindeutig. Zwar erfolgt die erste Beurteilung optisch - sozusagen nach Augenmaß -, letztendlich bestimmen Schnabelgröße und Schlundweite die jeweils optimale Größe, und taktile Erfahrungen entscheiden über Verzehrbarkeit, die zum Maßstab für die Bewertung wird. Das Huhn ist mit seinem schmalen und spitzen Schnabel imstande kleine Futterteilchen sicher zu ergreifen und mit der Zunge in den Schlund zuschieben. Hühner bevorzugen daher feste Futterstoffe, d.h. Körner, Insekten usw.

 

Bei der Futterauswahl hat die Größe des Futters den meisten Einfluss. Innerhalt der Grenzen leichter Verzehrbarkeit bevorzugt das Huhn die Teilchengröße von 2,5 mm. Unter den Getreidearten entspricht das Weizenkorn am besten diesem Maß. Mais liegt bei weitem darüber und sollte daher geschrotet werden.

 

Der Geschmackssinn*:

Unter den Geflügelarten haben Tauben und Gänse einen relativ empfindlichen Geschmackssinn, die Hühner erscheinen im Vergleich mit ihnen recht schmeckstumpf zu sein. Das gilt aber nur für erwachsene Tiere. Als Küken reagieren sie fast so sensibel wie Tauben. Beim Huhn sind ca. 50 Geschmacksknospen nachgewiesen, das sind sehr wenige. Beim Menschen gibt es mindestens 2000, beim Kind sogar bis 8000. Bitter und süß werden erkannt. Die Schmeckempfindlichkeit ist dabei u.a. von der Wärme des aufgenommenen Stoffes abhängig.

 

Der Geruchssinn**:

Den Hühnern wurde bislang allgemein bescheinigt keine guten Geruchseigenschaften zu besitzen bzw. sie nicht zu nutzen, dabei ist der Geruchskolben im Gehirn dagegen sehr groß ausgeprägt.

 

Bekanntlich hilft der Geruchssinn Vögeln (insbes. Brieftauben) dabei, sich zu orientieren, Nahrung zu finden oder sich gegenseitig zu erkennen. Ein Huhn hat nach neuesten Schätzungen 570 Geruchsrezeptor Gene, von denen 80 % aktiv sind. Der Mensch besitzt 1.000 Geruchsrezeptor Gene, von denen allerdings nur 50 Prozent aktiv sind. So nutzen wir in etwas genauso viele Geruchsrezeptor Gene wie auch ein Huhn es tut.

 

Der Vibrationssinn*:

Der Vibrationssinn wird heute auch als Hautsinn bezeichnet. Er nimmt mechanische Schwingungen auf und ist vom Gehörsinn deutlich getrennt. Als Rezeptionsorgane gelten die sogenannten „Herbstschen Körperchen“ welche insbesondere im Unterschenkel zusammen gefasst sind. Sie registrieren vor allem Schwingungen der Unterlage, welche also von den Zehen erfasst werden. Da die Rezeptoren jedoch im ganzen Körper verteilt sind, sind Hühner auch in der Lage sozusagen über die Haut Luftschallwellen wahrzunehmen.

 

Porta Westfalica, im Juli 2010

Günter Droste

 

Quellen:

*Mehner/Hartfiel: Handbuch der Geflügelphysiologie 1983

** MAX-PLANCK-GESELLSCHAFT Presseinformation  B / 2008 (155) vom 16.07.2008


03.2009

Selektionskriterien in der Aufzucht von Seidenhühnern

 

„Schreib doch einmal etwas über die Selektionskriterien, die Du in der Aufzucht Deiner Tiere zu Grunde legst.“ - Das war die Vorgabe aus der die Überschrift zu diesen Zeilen entstanden ist.

 

Fast könnte man dahinter schon glückselig machende Wunderdinge erwarten, aber es sind doch nur meine eigenen persönlichen Erfahrungswerte aus den vergangenen 25 Jahren der Zucht dieser Rasse. Anspruch auf Unfehlbarkeit wird nicht erhoben.

 

Die schwierigsten Momente im Leben sind ja immer die, gleich nach der Geburt. Auf die Seidenhühner übertragen, die Minuten nach dem Schlupf, wenn ich die Küken der Brutmaschine entnehme.

 

Hier gilt der erste Blick in der Regel den Zehen und damit ihrer Stellung und Trennung sowie den Zehennägeln. Bei den Zehennägeln findet man an der Hinterzehe und der 5. Zehe ab und an das unerwünschte Kuriosum, das dort nicht nur 1 Kralle sondern 2 und in seltenen Fällen auch noch mehr Krallen zu finden sind oder das die „eine“ Kralle stark verdickt und mit einer Kerbe leicht geteilt ist. Auch in diesem Fall handelt es sich um 2 Krallen welche schon wieder so dicht zusammen liegen, dass sie zusammengewachsen sind.

 

Der Standard trifft dazu unter den groben Fehlern keine Aussage. Diese Punkte sind zu den Ausschlussfehlern der AAB unter Missbildung des Skeletts einzuordnen.

 

Ein weiterer Punkt ist die Zehenstellung. Auch Seidenhühner können Entenzehen haben - und für den Fall, dass sie welche haben sollten zeigen sie diese bereits schon jetzt. Oft kombiniert mit einer nach unten zeigenden 5. Zehe. Auch die Küken mit einer bereits jetzt erkennbaren mangelhaften Trennung zwischen Hinterzehe und 5. Zehe fallen durch das erste kritische Raster.

 

Ein zweiter Blick gilt der Lauffarbe. Vereinzelt findet man beim wildfarbigen bzw. silber-wildfarbigen Farbenschlag Küken mit hellen, gelblich-orangen Läufen. Diese dürfen bleiben. Seltsamerweise dunkeln diese in der Regel im Laufe des Kükenwachstums nach und zeigen später die gewünschte schwarz-blaue Lauffarbe. Grüne Läufe, die ich aber auch schon erlebt habe, veränderten sich jedoch nie und blieben somit außerhalb der Vorgaben des Standards.

 

Vereinzelt, insbesondere im blauen Farbenschlag, findet man auch Küken mit aufgehellten Fußsohlen und einem sehr hellen vorderen Zehenglied und fast weißen Krallen. Auch hier gilt: „nicht verrückt machen lassen“. Diese Pigmentlosigkeit ist bei der späteren Bewertung - selbstverständlich je nach Ausdehnung - von untergeordneter Bedeutung. Das gleiche gilt für die Krallenfarbe da diese im Standard nicht ausdrücklich beschrieben ist.

 

Wenn man schon auf die Läufe achtet, sollte man auch einen Blick auf die Befiederung werfen. Zeigt das Küken bereits jetzt keine Federn an Lauf und Außenzehe wird es dort auch später keine zeigen.

 

In den nächsten 8 bis 10 Wochen gilt das Augenmerk der Vitalität und dem Wachstum - Kümmerlinge sind im späteren Leben als Zuchttier untauglich und man sollte sich bei Zeiten von ihnen trennen.

 

Mit ca. 12 Wochen wird noch einmal jedes Tier in die Hand genommen. Die Augenfarbe und die Kammbildung sind nunmehr die Angriffspunkte und entscheiden insbesondere bei den Hähnen über die grüne Wiese oder die Tiefkühltruhe. Ja, richtig, bereits in diesem Alter schlachte ich all die Hähne die keine Kammquerfalte zeigen - wer jetzt keine hat bekommt auch keine mehr. Und auch Tiere mit Kammauswüchsen, schwärzlich blauen Ohrscheiben oder gelben Augen gehen jetzt den Weg in Richtung Küche. Gleiches gilt für Tiere mit knappen Bärten bei denen Kehllappen erkennbar sind.

 

Wer etwas Übung hat kann zu diesem Zeitpunkt auch erkennen, welche Tiere später Probleme mit verdrehten Schwingenfedern, fehlender Axialfeder und Flügellücke oder Scherenflügel, haben werden. Spätestens im Alter von 5 Monaten sollten auch diese Probleme behoben sein. Ziehen der Federn bringt übrigens nichts - sie kommen immer wieder verdreht ans Tageslicht zurück. Auch Tiere mit Scherenflügel, d.h. den ständig unter den Armschwingen gekreuzten Handschwingen, kann man nun nicht mehr übersehen. - Seit versichert, besser wird es nicht, also ...

 

Gleiches gilt für flache Brustpartie, schmalen oder langen Körper. Nur mit gezielter Fütterung sind auch hier keine Wunder mehr zu erwarten.

 

Bei den Perlgrauen zeigt sich nun gegebenenfalls gelber Anflug, bei den Schwarzen oder den Blauen die unerwünschten goldenen Federn im Halsbehang und bei den farblich nicht sauberen silber-wildfarbigen Hähnen die unerwünschten rötlichen Federn auf den Flügeldecken. Alles Kriterien welche für eine Trennung von den Tieren sprechen. Und auch Stulpenbildung kann man zu diesem Zeitpunkt nur noch übersehen, wenn man sie denn übersehen will.

 

Bevor der Sommer sich also dem Ende neigt haben sich die Reihen schon um einiges gelichtet. Den verbliebenen Tieren kann also mehr Platz zum Reifen geboten werden - und wer mit dem Platz zum Reifen nun noch immer Probleme hat sollte sich noch einmal überlegen, ob er ein jedes Tier vielleicht doch noch einmal in die Hand nimmt um nach einem übersehenen Fehler, z.B. einem fehlenden Zehennagel, zu suchen.

 

Der allerletzte Blick gilt jedoch der Feder. Länge und Breite sind gefragt. Die Kontrolle der allgemeinen Federlänge führe ich stets im Sattelbereich durch, die Federbreite offenbart sich in der Regel aber erst in der Schauvorbereitung beim Waschen. Erst jetzt kann man eigentlich die wirklich aller letzten Kriterien in die Auswahl seiner Zuchttiere einfließen lassen.

 

Porta Westfalica, im März 2009

Günter Droste


08.2005

Meine Erfahrungen mit blauen Seidenhühnern

 

Es dürften mittlerweile ca. 20 Jahre vergangen sein, seit ich zum ersten Mal blaue Seidenhühner „in natura“ sah. Wenn ich mich richtig erinnere, waren es eine handvoll blaue, die Zfrd. Lanvermann (der ältere) bei der „Westdeutschen“ in Münster ausgestellt hatte. Die Farbe war faszinierend, ein schönes gleichmäßiges helleres Blau. Die Tiere waren zwar etwas flach in der Oberlinie und recht schmal im Körper. Auch die Schwingenfederstellung war nicht einwandfrei. Aber das Problem der abdrehenden Armschwingen haben wir ja auch heute noch und das nicht nur bei blau. Die „Lanvermänner“ waren damals sehr engagiert und dokumentierten ihre züchterischen Aktivitäten, insbesondere die Herauszüchtung der blauen, mit viel Aufwand in einer gut aufgemachten Broschüre. Ich muss diese bei Gelegenheit mal wieder in meinen „Hühnerunterlagen“ suchen.

 

Damals reifte bei mir der Gedanke, mich mit der Zucht der blauen zu befassen. Nach verschiedenen Zuchtversuchen mit etlichen Rückschlägen sind die blauen heute ein fester Bestandteil meiner Zucht. Aber der Reihe nach.

 

Damals als Zfrd. Lanvermann seine blauen in Münster zeigte, plagte ich mich bereits mit den schwarzen rum. Bei aller Schönheit hatten diese ein Manko, das mich schier verzweifeln ließ: sie hatten durchweg Kammauswüchse. Man sah das damals auf den Schauen zwar nicht so eng, für die eigenen hohen Ansprüche musste aber etwas passieren. Die Idee war die Kreuzung der schwarzen mit meinen weißen, die diesbezüglich einwandfrei waren. Und dann war noch der Hintergedanke, daraus irgendwie blaue zu bekommen.

 

Es wurde darauf hin ein 1,0 weiß mit einer schwarzen Henne gekreuzt. Die Nachzucht war schwarz, wobei die Hähne später goldene Halsbehänge bekamen, auch die Hennen hatten zum Teil leicht gold, es waren aber auch rein schwarze darunter, was eine 0,1 schwarz mit v oder hv Ehrenband in Münster belegen könnte, wenn sie noch leben würde. Die Kämme waren großteils o.k. Und das war ja das Hauptziel des Unternehmens. Im Folgejahr wurde diese „F1“ miteinander gekreuzt. Anmerkung: Der genetische Begriff F1 ist aus dem lateinischen abgeleitet. Die 1 steht für die erste Generation, das F ist die Abkürzung für filius (Sohn) bzw. filia (Tochter). Was da alles rauskam! Es war wenig brauchbar. Warum auch immer hatten die weißen knallrote (wenn auch korrekt geformte) Kämme, die schwarzen hatten Kammauswüchse, auch die vereinzelt gefallenen blauen teilten dieses Manko. Und wildfarbige waren dabei, die aber gar nicht so schlecht waren. Diese wurden später eigenständig weitergezüchtet. Die weißen hatten (neben wenigen farblich einwandfreien) ein sehr helles andalusierweiß. Ein blau gefallener Hahn (mit Kammauswüchsen), dessen Entwicklung ich mit Anspannung beobachtete, bekam mit dem Erwachsenengefieder zu allem Elend einen braunen Hals. Ich habe weitere Zuchtversuche in Richtung schwarz und blau durch Kreuzung mit weiß daraufhin eingestellt und mir ins Gedächtnis eingebrannt: reines weiß gekreuzt mit schwarz oder blau verträgt sich nicht.

 

Stattdessen habe ich mir von Zfrd. Rudolph, der sich mittlerweile auch mit den blauen beschäftigte, einen Zuchtstamm geholt, um damit die Lust auf die blauen zu stillen. Es hat großen Spaß gemacht, endlich das theoretische Mischungsverhältnis von 25% andalusierweiß, 50% blau und 25% schwarz nachzuvollziehen. Nur waren die Tiere bereits für die damaligen Begriffe zu klein (heute wären das einwandfreie Zwerge), weshalb ich mich hier wieder in einer Sackgasse befand und die Zucht erneut aufgab.

 

Aber der Virus ließ mich nicht los. Ich glaubte gerne den Ausführungen von Zfrd. Friebel, der über problemlose Kreuzungen seiner blauen mit einem Hahn aus der Zucht von Zfrd. Zumbrägel berichtete. Genetisch lässt sich das Phänomen sogar erklären, wonach es bei den Seidenhühnern zwei Ausprägungen von weiß gibt. Den kleinen Unterschied machen dabei die Faktoren Co bzw. cO aus. C steht für die Fähigkeit zur Farbbildung (Chromogen), das O für den Farbverwirklichkeitsfaktor (Oxydase). Kreuzt man beide weißen Linien, erhält man erst mal lauter „bunte“ (vermutlich wildfarbige), vgl. Robert Gleichauf, Züchtungs- und Vererbungslehre für Geflügelzüchter, Verlag Fritz Pfenningsdorff, S. 269. Die eine Linie verträgt sich wohl besser mit blau als die andere. Und meine verträgt sich eben nicht. Dabei interessiert mich ehrlich gesagt herzlich wenig, welche genetische Kombination daran Schuld ist. Aber beruhigend ist, dass Experten sich das erklären können.

 

Eine zur Hauptsonderschau von Zfrd. Matthias Friebel mitgebrachte blaue bärtige Henne wurde mit einem weißen Hahn aus meiner Zucht gekreuzt. Um nicht wieder ein Trauma mit der „F2“ (zweite Tochtergeneration) zu erleben, wurde deren Nachzucht an einen blutsfremden blauen Hahn aus der Zucht von Zfrd. Lanvermann gestellt, den ich an einem Rosenmontag dort mit 2 weiteren Hennen abholte. Eigentlich hatte ich für „Fasenacht“ freigenommen, zog aber dann diesen Züchterbesuch vor. Aus dieser Basis wurden nach zwei bis drei Jahren akzeptable blaue ohne Bart, mit denen ich mich erstmals zur HSS traute. Dort wurde die Qualität entsprechend attestiert, wobei natürlich der Seltenheitsfaktor Berücksichtigung fand.

 

Die nach wie vor unzureichende Größe, eine ziemlich haarige Feder und auch Defizite in der Eigröße und in der Vitalität ließen in mir das Projekt einer Einkreuzung von Zwerg-Orpington reifen. Laut Zfrd. Lanvermann sollte das überhaupt kein Problem sein. Bereits in der 1. Generation sollen formlich typische Kämme ohne Auswüchse fallen, was er mir anhand seiner Nachzucht auch dokumentieren konnte. Ich besorgte mir darauf hin alle fünf verfügbaren andalusierweißen („fehlfarbige“) Junghennen aus der Spitzenzuchtzucht von Ferdinand Richter mit dem Hinweis auf meine Bestrebungen. „Wenn einer solche Abenteuer wagt, muss ein echter Kenner sein“. So (denke ich zumindest) muss ich den Zuchtfreund beeindruckt haben, denn ich durfte bzw. musste ihm seine ganze Nachzucht an Zwerg-Orpington und Zwerg-Brahma sortieren. Honoriert wurde mein Aufwand mit einem Preisnachlass, so dass wir beide zufrieden waren. Von den fünf Hennen erreichte leider nur eine einzige Henne das Erwachsenenalter, die anderen gingen ein, ohne dass ich Krankheitsanzeichen feststellen konnte.

 

Die verbliebene eine Henne jedoch hatte es in sich. Ich kreuzte diese mit einem andalusierweißen Hahn und hatte eine stolze Nachzucht mit allein knapp 20 Hennen. Alle, wie erwartet, andalusierweiß, glattfiedrig, mit Ansätzen zum Wustkamm und teils mit fünfter Zehe. Diese Tiere habe ich „flächendeckend“ in meine Blauzucht eingekreuzt. Es waren kräftige und vitale Tiere mit einem nie gekannten Eigewicht und stabiler Schale (siehe Foto: Zuchtstamm aus 2002 mit 1,0 blau und andalusierweiße F1-Hennen Seidenhuhn x Zwerg-Orpington). Eine Henne aus der 2. Generation konnte ich bereits auf der HSS ausstellen. Bei ihr waren keinerlei Fremdblutanleihen festzustellen. Im Gegenteil, mit sg95 war diese ein sehr typisches Seidenhuhn.

 

Von dieser Einkreuzung profitiert meine Zucht nach wie vor. Das braun im Hals als Erbe des Wildfaktors der weißen Einkreuzungen ist so gut wie weg, die Kämme sind sauber, die Zehen stimmen. Jetzt heißt es noch die Gesichter dunkler zu züchten. Und darüber hinaus treten natürlich die „ganz normalen“ Fehler der Seidenhühner auf, deren Anteil durch die Einkreuzung zudem noch ziemlich hoch ist. Mittlerweile habe ich aus den blauen auch eine eigenständige Linie von schwarzen mit analogen Vorzügen erzüchtet, die ich rein (schwarz x schwarz) weiter züchte. Zwischenzeitlich liebäugle ich wieder mit der Einkreuzung in weiß, um die dunklen Gesichter evtl. schneller hin zu bekommen, fange mir dann aber wieder die bekannten Probleme ein.

 

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass sich in den vergangenen 20 bis 30 Jahren etliche Züchter mit den blauen Seidenhühnern beschäftigt haben. Bevor ich in Deutschland die ersten Tiere auf Ausstellungen sah, wurde von Vorkommen in der Schweiz berichtet, wobei ich weder über den Wahrheitsgehalt noch zur evtl. Qualität etwas sagen kann. Wegen der faszinierenden Farbe ist die Anfangsbegeisterung für die Zucht verständlicher Weise hoch. Wenn der Interessent dann Tiere erstanden hat und der Züchteralltag einkehrt, weicht die Euphorie jedoch meist ziemlich schnell und die Zucht wird wieder aufgegeben. Stellvertretend für den harten Kern der ausdauernden Züchter ist Zfrd. Matthias Friebel zu nennen, der über all die Jahre hinweg immer wieder seine blauen Seidenhühner in vorbildlicher Qualität auf den Ausstellungen präsentiert. Seine ursprüngliche Basis waren Kreuzungen weißer Seidenhühner mit blauen Zwerg-Cochin. Hennen aus dieser bartlosen Linie wurden später an einen silbergrauen Seidenhahn mit Bart gestellt, was durchweg blaue Hennen ergab. Die silbergrauen waren im damaligen Osten sehr selten. Der Hahn kam wohl über Umwege aus Ungarn über die Tschechei zu ihm. Ausgerechnet silbergraue in blaue einzukreuzen, ist schon etwas gewagt. Aber wie die Ergebnisse zeigen, führen viele Wege nach Rom. Mittlerweile hat sich Zuchtfreund Friebel auf die bärtige Variante bei den blauen festgelegt. Die bartlosen wurden einem interessierten Züchter übergeben, über deren weitere Entwicklung mir aber keine Informationen vorliegen.

 

Wenn ich mich so zurück erinnere, dann haben die Blauen viel dazu beigetragen, dass es mir in der Zucht nie langweilig wurde. Sie haben mir auch viel in Richtung Genetik beigebracht.

 

Da jeder seine eigene Sichtweise zu solchen Zuchtversuchen, insbesondere zu Einkreuzungen von anderen Rassen hat, sollen diese Erfahrungen nur eine Anregung sein, sich mit etwas Mut, Risikowillen und Durchhaltevermögen in seiner Zucht zu betätigen. Es muss ja nicht gleich eine fremde Rasse sein. Aber wie wär’s z.B. mit einem Hahn mit viel zu langen Kehllappen (um bei den Hennen schön ausgeprägte zu erzüchten) und (leider) fehlerhaften Kammauswüchsen. Leider fördert sich beides gegenseitig. Ich hab’s probiert. Die V97 SB und „Deutscher Champion“-Henne von Leipzig 2004 stammt aus dieser Linie, in der „Ruck zuck“ das Gewünschte gefestigt und das fehlerhafte weggedrängt wurde. Ohne genaue Aufschreibungen (und das Glück des Tüchtigen) geht es dabei aber natürlich nicht.

 

Es wäre schön, wenn möglichst viele Züchter ihre Zuchtergebnisse bei der nächsten HSS in 76767 Wörth am Rhein präsentieren würden. Gerade mit den Seltenheiten, wie es die blauen Seidenhühner sind, sollte die HSS die erste Adresse sein. Und keine übertriebene Befürchtung vor einem evtl. negativen SR-Urteil! Unsere Experten wissen sehr wohl die züchterischen Schwierigkeiten in der Bewertungsnote „dem Zuchtstand entsprechend“ zu würdigen.

 

Friedel Schwager, August 2005